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November 2020:

Ich bin froh, als die Stimmen auf der Straße endlich ruhiger werden und es nicht mehr ununterbrochen an der Tür klingelt. Den ganzen Abend habe ich mich unter meiner Decke verkrochen und versucht die zahllosen Kinderstimmen zu ignorieren, die ständig »Süßes oder Saures« rufen.

Es ist nicht so, dass ich Kinder nicht mögen würde, doch es ist mir unmöglich gewesen, an die Tür zu gehen und anderen Menschen gegenüberzutreten.

Heute auf den Tag genau ist es ein Jahr her. Ein ganzes Jahr ohne meinen Mann. Die Liebe meines Lebens. Mein Seelenpartner. Der Krebs hat ihn dahingerafft, einfach so. Er hat ihn mir weggenommen.

Auch nach einem Jahr, geht es mir kaum besser. In mir herrscht ein Knäuel aus Trauer, Wut, Ohnmacht und Unverständnis über die Willkür des Lebens, der mir die Luft abschnürt und mich nur noch vor mich hin vegetieren lässt. Das dumpfe, leere Gefühl in mir, ist an den meisten

Tagen so stark, dass ich es kaum schaffe aufzustehen. Als wäre ich auf den Grund des Ozeans, umgeben von Wasser, das mir die Sicht trübt und alles um mich herum gedämpft erscheinen lässt. Ich bin abgeschnitten von der Welt und ertrinke dennoch nicht, denn das würde mich von meinem Leid erlösen.

Die Wände meines Zimmer erscheinen mir auf einmal viel zu nah und die Luft viel zu dick. Ich halte es hier keinen Moment länger aus. Kurzerhand stehe ich auf, schlüpfe in meine Schuhe und werfe mir eine Jacke über. Mein tränenverschmiertes Gesicht ist mir egal, es ist eh keiner mehr unterwegs.

Draußen angekommen, atme die kühle Nachtluft tief ein. Ich fühle mich dadurch ein klein wenig besser und dennoch bin ich eine Galaxie davon entfernt mich gut zu fühlen.

Wie fühlt sich das eigentlich an? Glücklich sein? Ich weiß es nicht mehr.

In mir ist lediglich der Hauch einer Erinnerung, wie es gewesen ist, damals. Als es ihn noch gab.

Mit langen Schritten überquere ich die Wiese, direkt hinter meinem Haus und steuere den kleinen Wald an.

Doch was ist das? Gänsehaut überzieht meinen Körper. Die Temperatur fällt schlagartig um mehrere Grade. Ich schlinge die Arme um mich. Das Gras zu meinen Füßen wird knisternd von Raureif überzogen. Dichte Nebelschwaben ziehen auf.

Mein Herzschlag beschleunigt sich. Ich muss hier weg. Doch es ist zu spät, der Nebel ist zu dick, hält mich mit seinen Klauen gefangen. Immer wieder wirble ich herum. Mein Blick zuckt umher, auf der Suche nach einem Ausweg. Schweiß prickelt auf meiner Kopfhaut und rinnt meine Schläfe hinab. Mein Puls rast durch meinen Körper. Ist das mein Ende?

Dann, auf einmal, teilt sich der Nebel und gibt eine Art Kanal frei. Ich reiße die Augen auf, als ich sehe, was am Ende auf mich wartet.

Eine Reiterin steht dort, vor dem Waldrand. Ihr Anblick lässt meine Knie schlottern und meinen Atem anhalten. Vor mir steht ganz eindeutig kein Mensch. Ihre Haare sind lang und blond, doch ihr Gesicht ist das eines Totenschädels. Ihre Wangen sind eingefallen. Lippen besitzt sie keine.

Mein Herz rast und ich verspüre den übermächtigen Impuls wegzulaufen, doch ich kann es nicht. Meine Beine gehorchen mir nicht, stattdessen starre ich weiter wie gebannt auf die Reiterin.

Sowohl das Pferd, als auch die Frau schauen mir direkt in die Augen. Mein Blick wird von ihrem festgehalten und ich habe das Gefühl, als würde sie direkt in meine Seele sehen können.

Doch so wie sie mir in meine schauen kann, so blicke ich in ihre. Was ich dort sehe, ist ein Spiegel meiner Selbst. Alles verzehrende Trauer.

Mein Herzschlag beruhigt sich, die Panik weicht einem anderen Gefühl. Zum ersten Mal seit einem Jahr, löst sich der Druck auf meiner Brust und ich spüre so etwas, wie Frieden.

Die Reiterin hebt ihren Arm, Nebelschwaben ziehen sich zusammen, zu einem Wirbel, der sich immer schneller dreht und schließlich eine Gestalt frei gibt. Als ich erkenne, um wen es sich handelt, keuche ich auf und schlage voller Unglauben eine Hand vor dem Mund.

Mein Herz fängt erneut an zu rasen, doch diesmal auf eine ganz andere Art und Weise. Neben ihr steht mein geliebter Mann. Mein toter geliebter Mann. Er sieht gut aus, gesund und voller Leben.

Heiße Tränen laufen mir die Wangen herunter.

Er streckt die Hand nach mir aus und ich weiß was zu tun ist. Mit hastigen Schritten und ohne jeden Zweifel eile ich zu ihm. Als ich seine Hand ergreife, spüre ich ein Warmes prickeln. Es wandert weiter, meinen Arm hinauf und hinterlässt eine angenehme Gänsehaut. Es fährt durch meinen ganzen Körper und breitet sich in jeder Zelle meines Seins aus.

Glück! Es ist Glück, das ich empfinde. Ich schluchze auf, endlich bin ich wieder in der Lage es zu spüren.

Ich schaue zu der Reiterin hoch. „Ich danke dir.“ Meine Stimme ist kaum mehr, als ein heiseres Flüstern.

Ihr Ausdruck ändert sich nicht und ich weiß, dass nichts auf der Welt ihre eigene Trauer von ihr nehmen kann.

Sie neigt minimal den Kopf zur Seite und schließt für den Bruchteil einer Sekunde ihre toten Augen. Es ist eine kleine Geste und doch fühlt sie sich so vertraut an.

Ich nicke ihr noch einmal zu, dann wende ich mich zu meinem Mann, der mich anstrahlt und seine Arme ausbreitet.

Ich lasse mich in sie hineinfallen. Endlich kann ich mit ihm zusammen sein.

Auch wenn ich weiß, dass es nicht in meiner Welt sein wird.

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